VON BRÜLLAFFEN GEWECKT...

Ein Reisebericht aus Costa Rica.  Lesen ... 
 

UNTER DEN ALLES SEHENDEN AUGEN BUDDHAS...

Ein Reisebericht aus Nepal.  Lesen ... 

 
 
 
 
Unter den alles sehenden Augen Buddhas


Lhamo

Die Fahrt zu unserem Retreat in den Bergen beginnt mit einer Heilungszeremonie bei Lhamo, einem tibetischen Orakel. Sie lebt am Rande von Kathmandu in einem abbruchreifen Betonbau, im dritten Stock. Beim Ersteigen der bröckeligen Stufen, die irgendwie lose an der Außenwand mehr schweben als kleben, wandern unsere Blicke in die verwinkelten Hinterhöfe. Wobei Hinter hier wie Vorne ist. Männer sind in ein Brettspiel vertieft, Kinder und Kühe laufen zwischen Schutt und Müll herum.
Wir betreten einen dunklen Flur, von dem genau ein Zimmer abzweigt. Der Raum ist bereits prall gefüllt mit Einheimischen. Frauen, Männer, Kinder, die alle auf dem Boden hocken. Das Fenster ist verhangen, es herrscht eine düster unheilvolle Atmosphäre, die auch der kleine Altar nicht zu mildern vermag. Einzig die darauf brennenden Butterlämpchen neben Schälchen gefüllt mit Mehl und Zuckerwerk, Obst und Blumen wirken beruhigend alltäglich. Die Heilzeremonie hat schon begonnen, Lhamo ist bereits in Trance. Sie hat die Augen geschlossen und schwingt im Schneidersitz leicht hin und her. Eine Übersetzerin bittet einen von uns nach vorn. Wir kommen zu spät und dürfen als erste. Wer wagt sich? Wir wissen ja nicht einmal, was jetzt passiert. Henry ist der Mutigste. Er hockt sich vor sie. Lhamo nimmt seinen Kopf in beide Hände, nicht gerade zärtlich, und reißt ihn nach rechts und links. Dann greift sie nach einem Messer, holt aus und - uns stockt der Atem - sticht viele Male auf seine Stirn ein. Es ist – dem Himmel sei Dank – stumpf genug, nicht in den Schädel zu dringen - heftig genug sind die Schläge dafür allemal – hinterlassen sie doch blutende Ritzen. Henry bedankt sich verbeugend und krabbelt benommen an seinen Platz zurück. Kurze Verschnaufpause für Lhamo – und uns. Es sickert die Nachricht zu uns durch, daß menstruierende Frauen den Raum verlassen mögen, da sie mit ihrer Anwesenheit das Leben des Mediums gefährden.
Rebecca wagt sich als nächste vor. Lhamo betrachtet sie eine Weile, dann ohrfeigt sie sie rechts und links mehrmals aufs heftigste und spritzt ihr Wasser ins Gesicht. Lhamo spricht Rebecca mit Sarah an, faßt an ihre Schultern, schüttelt sie und sagt sie soll verschwinden. Rebecca ist von dieser Person besetzt gewesen. Zitternd lehnt sie sich an Henry zurück. Jetzt mag sich so recht keiner mehr von uns behandeln lassen. Lizzy soll ihren Arm frei machen. Unvermutet beißt Lhamo sie in die Schulter und beginnt zu saugen. Den Mund voller Blut spuckt sie in eine orange Plastikschüssel. Mit den Zähnen zerrt sie einen blutigen quaddeligen Faden aus dem Schultergelenk. Lizzy stöhnt. Sie ist vor Jahren an dieser Schulter operiert worden und hatte seitdem dort medizinisch unerklärbare Schmerzen. Der Faden ist bei der OP dort wohl vergessen worden. Ben wird von Lhamo in den Bauch gebissen. Sie saugt sich regelrecht fest und spuckt immer wieder Blut in die Schüssel. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Henry knipst, mittlerweile erholt und von dem Geschehen gefesselt, Beweisfotos. Nach vier mundgroßen tiefvioletten Blutergüssen am Bauch läßt sie endlich von ihm ab. Er erfährt noch, daß er Knoblauch und Schweinefleisch meiden soll. Das bekommt ihm nicht. Von einem Häufchen besprochener Weizenkörner, das auf dem Zimmeraltar liegt, erhält er ein paar zur Einnahme. Medizin.
So in der Art ergeht es nach und nach fast jedem aus unserer Gruppe. Wir fahren geläutert ins Retreat und hoffen auf weniger schmerzhafte Erfahrungen.
Wir erfahren noch, daß durch Lhamo eine Hundegottheit handelt. Also daher ihr Beißen.
 

Bhaka Thulku

Unser Weg von Kathmandu hoch in die Berge zu unserem Retreat in Nargakot zeigt uns das alte Königreich Nepal. Weite Ebenen, die hügelig ansteigen und langsam zum mächtigsten und höchsten Gebirge der Erde werden, dem Himalaya. Schneewohnstätte lautet die Übersetzung aus dem Sanskrit. Unsere Seelen weiten sich ebenfalls, wie weit werden sie sich erheben? Unser Busfahrer kennt einen „new way“. Endlos zeitlos holpert unser Bus durch das Land. An uralten zerfallenen Tempeln machen wir halt, verweilen in einem stillen Gebet, die Stimmung ist andächtig. Wir erreichen das Ende des „neuen Weges“, sind aber noch lange nicht am Ziel. Auf jeden Fall geht es hier nicht weiter, kein Durchkommen für unseren Bus. Wir steigen aus und entdecken schlüpfrige, zerfallene Stufen mitten im dichten Grün des waldigen Berges. Die Neugier hat uns gepackt und wir erklimmen sie gespannten Herzens. Die Stufen führen uns steil bergan, immer wieder um eine neue Biegung. Es wird nebelig, die Spannung steigt. Was erwartet uns hinter der nächsten Kurve? Dann stockt uns der Atem. Wir erblicken eine Tempelanlage. Sie scheint verlassen.
Von Grün umwucherte, zusammengehaltene Steinmauern. Das schmiedeeiserne Tor läßt sich laut quietschend öffnen. Wir erschrecken vor diesem schrillen Ton, der die Stille zerreißt. Haben wir die Götter geweckt? In ihrer Ruhe gestört? Affen preschen laut keifend auseinander. Bevölkern nur sie die Tempel? Wir wagen nicht zu sprechen, erkunden zögerlich tastenden Fußes die Anlage, fühlen uns wie Eindringlinge, allerdings auch ein bißchen wie Indianer Jones. Die Affen kommen und erobern ihre Tempel zurück, springen von Steinelefant zu Steinelefant, die in Lebensgröße den Eingang bewachen, ein mächtiges goldbeschlagenes Tor. Die Pagodendächer sind mit reichlich Holzschnitzereien verziert, auch Elfenbein ist hier und da verwendet worden. Wir umwandern den Haupttempel. An der Rückseite stößt er an die meterhohe Felswand, die sich irgendwo hoch oben im Dunkel des Waldes verliert. Eingemeißelte handtellergroße Löcher erregen unsere Aufmerksamkeit. Hat hier eine Vogelkolonie ihre Brutstätte? Mit Streichhölzern erhellen wir den Raum dahinter. Es sind jeweils winzige Höhlen, ein kleiner Mensch könnte so grade gehockt darin Platz finden. Welchem Sinn und Zweck dienen sie? Für Vorräte der Tempelbewohner? Mit Erschauern blicken wir bei der nächsten Höhle in ein menschliches Augenpaar.
Eremiten lassen sich hier einmauern. Nicht für Wochen, aber für Jahre. Und leben von dem, was sie gebracht bekommen. Irgendwann, zufällig. Der Rückzug in die Einsamkeit ist eine wichtige Stufe auf dem geistigen Weg zur Erleuchtung. Mancher verbringt viele Jahre darin. Einzelne verharren in dieser Meditation ihr Leben lang. Beklommen machen wir uns an den Abstieg. Wie weit werden wir für unsere Erleuchtung bereit sein zu gehen?
Kinderstimmen reißen uns aus unseren trüben Ahnungen. Sie holen uns ins hier und jetzt zurück. Kleine fröhliche Nepalesen amüsieren sich köstlich darüber, daß wir die Stufen hinabsteigen. Geht es doch viel praktischer und schneller: sie rutschen rittlings auf dem Geländer hinab. Wo war das bloß beim Aufstieg? Wir machen es ihnen nach und sind ruckzuck und unter befreitem Lachen wieder an unserem Bus.

Nargakot erreichen wir um Mitternacht, tiefschwarze Mitternacht. Solch eine natürliche Dunkelheit kennt unser westliches Auge gar nicht, wo immer Städte des nachts Licht in den Himmel strahlen. Wir können das Angesicht des Himalaya-Massivs nur erahnen. Ihre Silhouette hebt sich vom sternenübersähten Himmel ab. Die Luft ist hier oben so kristallklar, schneidend kalt und rein. Wir haben die gelbe Dunstglocke, die ständig über dem Talkessel von Kathmandu hängt, irgendwann in der Dunkelheit unbemerkt durchbrochen. Des öfteren ging des nachts ein Ruck durch den Bus, wenn er die Felswand streifte, um auf der anderen Seite nicht ins Tal zu rutschen. Wir waren dankbar, von der Dunkelheit geborgen, die steilen Abhänge nicht sehen zu müssen. Dem Bus allerdings mußten wir zwangsläufig beim Beladen in Augenschein nehmen. Ein Anblick der uns zum Sitzen zwang. Allerdings durften wir im Bus nur auf der Bergseite Platz nehmen. Unser Gewicht sollte ihn so in gefährlichen Sekunden auf der Straße halten.

Am nächsten Morgen, nur vier Stunden nach unserer Ankunft - begrüßen wir den Berg. Vor seinem Antlitz werden wir die nächsten Tage verbringen. Und unserem eigenen Antlitz sehr viel näher kommen, sehr viel tiefer in uns selbst sehen. So nah war ich noch nie in meinem Leben an meinem Kern wie in diesen nun kommenden Tagen. Trotzdem, wenn ich vorher gewußt hätte, was alles kommt, wäre ich sicherlich nicht nach Nepal geflogen. Jetzt bin ich unendlich dankbar, diese Erlebnisse gehabt zu haben in meinem Leben, für mein Leben.

Bhaka Thulku leitet die Eröffnungszeremonie unseres Retreats unter dem Dach der Götter. Eine Messe mit Pastor im Freien. Seine Stimme ist nur ein Räuspern, heiser und gebrochen. Die Chinesen haben ihm auf seiner Flucht aus Tibet die Stimmbänder durchtrennt.
Wir befestigen unsere Gebetsfahnen zwischen Tempel und Bäumen zur Begrüßung der hier wohnenden Gottheiten. Möge der Wind unsere Gebete zu ihnen tragen. Anschließend rezitieren wir buddhistische Texte in dem immer gleichförmigen Klang, ohne Betonung und Pause. Lediglich die letze Silbe wird gedehnt und wie mit einem Bedauern hinabgezogen. Wir schlagen die Trommel, verbrennen Kräuter bis weit nach Mittag. Trotz böigem Wind, der über unsere Bergkuppe fegt, steigt die Rauchsäule kerzengerade in den Himmel. Die Mächte sind mit uns, wir sind eingestimmt.

Werden wir uns an das lange stille Sitzen ebenso gewöhnen wie an die Schlaf- und Essensreduzierung auf ein Minimum? Wir sind zusammen bis weit nach Mitternacht und um viertel vor fünf erklingen als Weckruf drei Zimbelschläge, in 10 Minuten müssen wir zur Morgenmeditation bereit sitzen. Irgendwann dann ein Klecks Reisschleim und ein Viertel von einem Minifladen. Unser Geist soll durch nichts von seiner Ausdehnung abgelenkt werden. Sämtlicher Schmuck und Uhren sind jetzt abzulegen, keine Körperpflegeprodukte anzuwenden. Kein Blick in den Spiegel. Schweigen beim Essen, zwischen den Übungen, kein Austausch untereinander. Nach zwei Tagen verlangt mein Körper nach dem Rückflugticket.

Dann die Diaden. Immer zwei sitzen sich gegenüber. Der eine stellt dem anderen die Frage: „Sag mir, wer bist du!“ Dann kontempliert der andere, spricht 5 Minuten lang aus, was ihm dazu in den Sinn kommt. Ohne jedweden Kommentar des Gegenübers. Dann ertönt ein Zimpelschlag und es wird gewechselt. Wenn die beiden sechsmal getauscht haben, wird die Gruppe wieder gemischt und es geht mit einem neuen Partner weiter. Nur nie mit einem echten Partner, wenn man denn als Paar angereist ist. Irgendwann fällt mir nichts neues mehr dazu ein und ich habe die Befürchtung mein Gegenüber zu langweilen. Schließlich habe ich schon alle durch und kann jetzt doch nicht immer wieder dasselbe von mir geben. Wer bin ich überhaupt? Sandra natürlich. Eine Frau, ein Mensch, ein fühlendes Wesen. Die Kennzeichnung dehnt sich immer weiter aus. Wo ist da überhaupt jetzt noch die Grenze? Zu anderem? Zu anderen? Wo höre ich auf? Wo höre ich auf wahrzunehmen?
Ich bin gar nicht getrennt! Meine Seele, mein Geist wabert so über meinen Körper hinaus. Wo soll da Schluß sein? Nach 10 Zentimetern? Nach einem Meter, nach 10 Metern, so weit ich gucken kann? Jetzt beim Niederschreiben komme ich wieder in diesen Prozeß hinein. Gut so. Lange ist’s her. Ich habe teil an allem. Ich bin genauso du. Du bist genauso ich. Ein Ineinandersein.

Unser Retreatleiter Karl läßt sich von jedem einzeln berichten. Ich soll mir nun die Frage stellen lassen: „Sag mir, was bist du!“ Was oder wer. Was ist denn da der Unterschied? Die Werfrage hat die bislang angenommene Begrenzung zu anderen Menschen aufgeworfen. Die Wasfrage bringt mich dahin zu sehen, daß ich auch von anderen Dingen nicht getrennt bin. Ich kann so empfinden wie ein Sonnenstrahl, ich kann das sein, ich fühle das doch. Dann ist das Fühlen auch nicht dort zu Ende, wo die Welt aufhört. Meine Antennen fahren immer weiter aus. Wir waren und sind beschützt, immerdar und allezeit. Wir bekommen nur soviel zugemutet, wie wir zu bewältigen imstande sind – und wir sind so stark. Das Wissen haben wir dann, wenn alles überstanden ist und das nimmt uns dann keiner mehr. Ein Leben lang. Alle Leben lang.

Und dann die Sonnenaufgänge. Wenn die tiefschwarze Nacht einer Trübe weicht, die langsam die Schluchten preisgibt, die Silhouette der Schneegipfel ganz sanft sichtbar und dahinter ein goldenes Licht geboren wird und das Land in seinen Goldglanz taucht, dann scheint alles von ganz neuem zu erwachen. So taufrisch und rein. Unsere Augen und unsere Seelen haben teil an diesem Naturschauspiel. Und erwachen ebenso.

Gegen Ende des Retreats bietet Karl einem jeden von uns an, bei ihm Zuflucht zu nehmen. Die Entscheidung trifft jeder für sich. Die Zufluchtnahme beim Lehrer ist vergleichbar mit der christlichen Taufe. Sie bedeutet weit mehr als das Mitglied einer Sangha zu sein, wir bekennen uns damit zum Buddhismus, das Sprechen der Zufluchtsformel macht uns zu Buddhisten. Während der Einweihungszeremonie schneidet uns Karl ein kräftiges Haarbüschel vom Oberkopf ab. Ich versuche den Schaden so gering wie möglich zu halten und trage den Scheitel nun auf der anderen Seite. Die nachwachsenden Haare suchen sich jedoch später immer wieder borstig ihren Weg durchs Deckhaar. Zurück in Deutschland werde ich noch einige Male auf den vermeintlichen Fehlschnitt meines Friseurs angesprochen.

Adlerflug I

Wir atmen stoßweise aus, durch die Nase, schnell und heftig. Die Einatmung kommt von ganz allein - und fast ein wenig zu kurz. Mit der Zeit – wir wissen nicht, ob fünf oder 30 Minuten vergangen sind – fällt es uns immer schwerer, die Heftigkeit und Geschwindigkeit der Atemausstöße einzuhalten. Der Körper begehrt nach mehr Sauerstoff. Unerklärlicherweise aber wird die Wahrnehmung klarer und erweitert sich. Mein Nachbar ruft euphorisch entzückt: Ich fliege, ich fliege.
Mein Körper verkrampft sich, meine Arme und Beine ziehen sich zusammen, die Finger verformen sich wie bei einem Gichtkranken, mein Oberkörper bäumt sich auf. Ich kann nur noch ganz flach atmen, muß die Luft unter äußerster Kraft in meine Lungen einsaugen. Beim Aufbäumen erreiche ich Blickkontakt mit Karl, er erkennt meine Panik, kommt und legt seine Hand auf meinen Brustkorb. Ich soll mit der stoßweisen Ausatmung fortfahren. Der Krampf sei ein gespeichertes Muster meines Körpers. Wie soll ich denn weiter ausatmen? Meine körperliche Wahrnehmung ist klar, aber ich habe keine Kontrolle mehr über meine Gliedmaßen. Ich habe meine Atmung aus dem Rhythmus gebracht und stelle fest, daß, wenn wir nicht geatmet würden, wir alleine dazu gar nicht im Stand wären; solch ein Kraftakt würde es für die Lungen bedeuten, sich allein auszudehnen. Ich breche ab und lasse den Atmen wieder kommen und gehen, wie er es schon immer von Anbeginn an getan hat. Die Luft des Himalaya strömt ungehindert und ruhig in mich ein. Mein Haar, mein Pullover, meine Hose, selbst die Socken sind schweißnaß. Trockene Kleidung anziehen? Nein, das wäre ein Zurückfallen auf die Bedürfnisse des Körpers und des Ego.
Außerdem beginnt jetzt die Gehmeditation. Die Technik hierfür:
Nimm dir ein Objekt
Habe die Absicht, es direkt zu erfahren
Sei offen für alles
Ich gehe in Zeitlupe, bewußt das Gewicht verlagernd, von der Ferse über den Ballen bis auf die Zehenspitzen. Es stimmt, beim Gehen kommen viel höhere Impulse ins Gehirn. Die Bewegung wirkt anregend auf den Geist. Jeder von uns kommt mit neuen uralten ewigen Erkenntnissen zurück.

Adlerflug II

Wir wiederholen die Atemübung des Adlerflugs. Mir ist mulmig, da ich ein erneutes Verkrampfen meines Körpers erwarte. Außerdem möchte ich darauf verzichten, den Rest des Tages und der Nacht in klammen Klamotten zu verbringen. Naja, ich kann ja mal ein bißchen mitatmen. Die beginnende leichte Versteifung atme ich einfach mit aus. So bleibe ich locker. Nach einer ganzen Weile fühle ich zwar meinen Körper auf dem Boden aufliegen, bin aber trotzdem eine Handbreit über ihm, mich waagerecht emporhebend. Wenn ich jetzt so weiter atme, dann durchstoße ich mit dem nächsten Atemzug eine hauchdünne Membran und bin draußen aus meinem Körper. Das weiß ich auf einmal, einfach so. Was, wenn ich nicht mehr hineinkomme? Wem ich draußen alles begegne?
Ich verlasse meinen Körper auf keinen Fall, das Wagnis gehe ich nicht ein. Ich atme nunmehr ruhig und entspannt. Es bleibt in allem meine Entscheidung wie weit ich gehe.

Adlerflug III – oder indianische Weise im Himalaya

Wir sind auf einer einsamen Anhöhe gemeinsam mit Bhaka Thulku und seiner Familie, unseren Gästen für das Mittagessen. Die Zeit bis Tische für unsere Gruppe hergerichtet sind, verbringt Karl damit, zwei Adler zu beobachten. Sie ziehen ergreifend majestätisch in den fernen Höhen ihre Kreise. Karl löst seinen Pferdeschwanz und beginnt eine alte indianische Weise zu singen. Heyohohoheyohohohahyaa. Der Gesang versetzt mich Urzeiten zurück. Meine Fußsohlen schlagen Wurzeln in die Erde. So war es einmal, so muß es wieder werden. Das Adlerpaar kommt stetig näher, bis es seine Kreise direkt über unseren Häuptern zieht. Wir werden Teil einer Kommunikation zwischen Mensch und Tier, beide Geschöpfe des Einen. Wir sprechen im Herzen doch dieselbe Ursprache und können uns verstehen. Wie vertraut und doch so lange her ist das. Mein Herz wird mir unendlich schwer. Der Adler stößt einen Schrei aus und eine Feder sinkt zu uns nieder. Wie magisch.

Am Nachmittag besteigen wir den Berg über den heiligen Höhlen von Guru Padmasambhava. Er ist komplett mit Gebetsfahnen behangen, der ganze riesige Berg. Das ist wirklich ein Bild für die Götter. Und kein Vergleich mit der Wäscheleine vom Weißen Riesen aus der Werbung. In den Höhlen befindet sich ein Elefant, der langsam aus dem Stein herauswächst. Vor vielen Jahren war gerade mal sein Umriß erkennbar, dann wurde er immer deutlicher. Zu seinen Füßen liegt ein Blütenmeer und um seinen Hals ist eine Blütengirlande gelegt. Hunderte von Butterlämpchen erhellen die Höhle und tauchen sie in ein flackerndes Licht, das den Elefanten seltsam lebendig erscheinen läßt. Wir erschauern und wünschen uns zurück auf die Bergspitze mitten zwischen die wehenden bunten Fahnen. Die erste Gebetsfahne, die ich gesehen habe, habe ich noch für zum Trocknen aufgehangene Gästehandtücher gehalten...

Schwitzhütte

Das Schwitzhüttenritual beginnt mit dem Bau derselben. Aus starken und doch biegsamen Weidenruten formen wir den Rohbau in Form eines Iglu. Die Zwischenräume flechten wir mit kleineren Zweigen aus. Darüber kommen jede Menge Decken und eine Folie, bis die Hütte absolut dicht ist. Zum Abschluß legen wir ein Kuhfell obenauf. Der Boden wird mit Stroh ausgelegt. In der Mitte bleibt eine kleine Vertiefung für die heißen Steine. Der Weg vom Eingang, ein winziges Schlupfloch, das mit Decken und einem Fell verschlossen wird, bis zur Feuerstelle wird mit Steinen gesäumt. Hier werden später die von den Flammen glühenden Feuersteine bis in die Hütte gerollt. Von der Feuerfrau.

Seit dem Nachmittag sind Stunden vergangen und jetzt ist unsere Schwitzhütte fertig. Aus schweren Holzstämmen errichten wir einen Stapel für das Lagerfeuer. In die Zwischenräume werden die Feuersteine gelegt. Eine Arbeit die Fingerspitzengefühl und ein Gespür für die Stabilität des Stapels erfordert. Um die Feuerstelle herum legen wir einen Kreis aus Steinen, der sich in den Weg zur Schwitzhütte hin öffnet.

Die Dämmerung setzt ein und wir entzünden das Feuer. Jede von uns hat einen Beitrag für diese Zeit, in der die Steine sich erhitzen, vorbereitet. Mit Gesang, Trommeln und Geschichten sitzen wir um das Feuer herum, wir fühlen uns wie Indianer. Mit einem Funkenschlag bricht der Holzstapel zusammen, die Steine fallen in die Flammen, die meterhoch schlagen.

Jetzt kommt die Zeit der Reinigung durch Hitze. Wir kriechen in die Schwitzhütte. Hocken darin dicht an dicht. Die Feuerfrau rollt die ersten Steine zu uns herein. Später, weit nach Mitternacht, beim gemeinsamen Mahl wird eine jede von uns ihr ein Geschenk überreichen als Dank für ihren Feuerdienst.
Wir müssen aufpassen, uns nicht die Zehen an ihnen zu verbrennen, so knapp ist der Raum in unserer Schwitzhütte bemessen. Eine Schöpfkelle Wasser wird auf die glühenden Steine gegossen. Dampf steigt zischend auf und füllt schnell den ganzen Innenraum der Hütte. Anschließend verbrennen wir Kräuter auf den Steinen, ihr Rauch macht uns das Atmen schwer. Immer wieder kommen Steine nach, so übersteigt die Temperatur die 90 Grad Celsius. Wir sprechen alte indianische Gebete und verbrennen weiter Kräuter, viel weißen Salbei. Ich bohre eine Fingerspitze in die Erde unter den ganzen Decken hindurch nach draußen in die Waldluft, um meinem Körper eine kleine Abkühlung zu verschaffen. Der Schweiß rinnt nur so. Von der wenigen frischen Luft, die bei weiteren Steine mit hereinströmt, ist der Sauerstoff schnell wieder verbraucht. Acht gierige Lungen atmen ihn ein.
Irgendwann meine ich, es nicht mehr länger in der Hitze aushalten zu können. Aber wer die Hütte verläßt, bricht das Ritual ab und darf nicht wieder herein. So halte ich aus.

Gegen halb zwei morgens krabbeln wir aus der Schwitzhütte heraus. Ein Akt mit Symbolkraft, ein Geboren werden. Und der erste Atemzug scheint wie der erste Atemzug überhaupt zu sein. Ein noch nie dagewesenes Reinheitsgefühl an Körper, Geist und Seele breitet sich in uns aus. Als wären wir soeben frisch geschlüpft. Überwältigend.

Wir haben nahezu drei Stunden in der Schwitzhütte verbracht.
Eine finnische 80-Grad-Sauna verlasse ich nach spätestens 10 Minuten...länger bliebe mein Kreislauf nicht stabil.

Shwayambhunath

Auf einem bewaldeten Hügel westlich von Kathmandu liegt der Stupa von Shwayambhunath - eine der ältesten buddhistischen Tempelanlagen der Erde! Ihr Innerstes existiert seit über 2.500 Jahren, hält aller Geschichte Anfang geborgen.

Als Pilger folgen wir dem traditionellen Pfad, die unzähligen Treppenstufen hinauf, durch die von Affen bevölkerten Haine. Sie springen so voll Elan von Stufe zu Stufe, zwischen unseren immer müder werdenden Beinen hindurch, gackern laut und sind wachen Blickes ob unsere Hände nicht etwas Eßbares aus den Rucksäcken hervorholen. Sie scheuen sich nicht, auf unsere Schultern zu springen. Richtig schwer macht sich so ein Affe erst beim Absprung.

Alle 1000 Stufen erklommen, verstummen wir ob des atemberaubenden Anblicks auf das Tal von Kathmandu. Die Stadt selbst liegt unter einer gelbbraunen Dunstglocke. Die weichen weiten grünen Hügelketten und im Hintergrund immer und allgegenwärtig das Himalaya-Massiv. Wir fühlen uns dem Himmel, den Göttern ein Stück näher, umwandern den Stupa, bringen alle Gebetsmühlen in Bewegung und sind für diese stillen Momente weit weit weg von der allzu geschäftigen Welt unter uns.

Der heilige Ort von Swayambunath ist innigst mit der Entstehungsgeschichte des Kathmandu-Tals verbunden. Der Legende nach füllte einst ein See von idyllischer Schönheit das heutige Tal aus. Auf seiner Oberfläche erschien eines Tages eine prachtvolle Lotusblüte. Über Jahrhunderte wurde der See von Heiligen aufgesucht, bis eines Tages eine leuchtende Flamme aus dem Blütenkelch hervorstieg: Swayambunath – „Das aus sich selbst entstehende Göttliche“. Die ewige Flamme Buddhas leuchtete für weitere Epochen, bis Manjusri, („mein Schuh schrie“, war unsere Eselsbrücke für diesen Namen) ein Bodhisattva aus China, den Ort aufsuchte. Nach dreimaliger Umwanderung des Sees schlug Manjusri mit seinem Schwert ein Kluft in die südliche Hügelkette, die Chobar-Schlucht, durch die heute der heilige Bagmati-Fluß aus dem Tal abfließt.

Der Abstieg geht ordentlich in die Knie, als wollte unser Körper uns darin hindern, wieder in den lauten Trubel der Hauptstadt zurückzukehren.

Pashupatinath

Pashupatinath – dieser Name löst immer wieder ein Erschauern bei uns aus. Wir sind mitten in den Gaths, den zum heiligen Bagmati-Fluß hinabführenden Treppenanlagen, dem Ort für Feuerbestattungen und rituelle Waschungen der Gläubigen. Der beißende Geruch von Feuer und Verwesendem verklebt unsere Kehlen. Dichte Rauchschwaden lassen unsere Augen tränen. Wir binden uns Tücher um Mund und Nase, tränken sie mit Teebaumöl. Hier wird Menschenfleisch verbrannt. Wir werden Zeugen einer Feuerbestattung. Die vollständig in weiß gekleideten Angehörigen stehen um den auf Holzscheiten aufgebahrten Leichnam. Das Feuer wird entfacht. Die Flammen züngeln hoch und nähern sich gierig dem Toten. Holz zu verbrennen sind sie nicht lebendig geworden. Zuerst schmelzen Haare und Gewand in der Hitze, die Haut platzt auf, Körpersäfte tropfen zischend herab. Die Sehnen verkürzen sich und wie zum letzten Gruß hebt sich der Arm des Toten und winkt uns gespenstisch zu. Der Leichnam bäumt sich in den lodernden Flammen auf. Ein Totentanz, der uns trotz der Hitze frösteln läßt. Der beißende Geruch wird unerträglich. Wir versuchen dieser mystischen Atmosphäre zu entfliehen und wechseln zum Ostufer des heiligen Bagmati-Flusses. Aber wir schaffen es nicht, uns der Magie dieses Ort zu entziehen. Hier von der bewaldeten Hügelkuppe im Schatten hoher Pinienbäume sind wir ergriffen vom Blick über den gesamten Tempelbezirk mit seinen goldbeschlagenen Dächern, Lingams, Schreinen und Pagoden.
Mit diesem Panorama im Rücken wenden wir uns dem Pinienhain zu und erkunden diesen Teil des Tempelbezirks mit seinen zerfallenen von Grün umrankten Mauerresten, bevölkert von Affen. Eine grasende Elefantenherde zu erblicken würde uns hier auch nicht verwundern.
Ein Greis hockt am Wegesrand. Verschlissenes Tuch und Pappe an einem gebogenen Stock über sein Haupt als Zelt gespannt. Darin eine zerlöcherte Decke, ein Becher und eine Schale aus Metall, davor ein Stein mit Blumen geschmückt, sein Altar. Mehr hat er nicht. Mehr braucht er auch nicht.
Schlangenbeschwörer mit schwarz ummalten Augen halten uns ihre Körbe vors Gesicht, reißen den Deckel auf und wir blicken in ein hypnotisierendes Augenpaar. Die Schlange tanzen zu sehen hat natürlich seinen Preis. Wir verzichten auf züngelnde Zungen, die blitzschnell unsere Nasenspitzen befeuchten möchten.

Pashupatinath ist das bedeutendste hinduistische Heiligtum in Nepal. Es ist dem Hindu-Gott Shiva in seiner Form als Herr aller Lebewesen geweiht. Die Tempelanlage liegt sechs Kilometer östlich von Kathmandu an einer Verengung des heiligen Bagmati-Flusses. Sie zählt zu den fünf größten Shiva-Heiligtümern des indischen Subkontinents.

Alljährlich steht Pashupatinath im Zentrum der Feierlichkeiten des Mahashivarati-Festes, der Nacht Shivas. Pilger, Saddhus, Bettler und Händler, zu Tausenden aus ganz Nepal und Indien angereist, bevölkern die Stätte zur Neumondnacht im Frühjahr – Februar oder März, je nach Mondkalender. Der Zutritt zum Haupttempel ist Nichthindus verwehrt.

Lhosar

Das tibetische Neujahrsfest findet alljährlich im Februar oder März unseres Kalenders statt. Der genaue Beginn wird nach dem Mondkalender und einiger anderer geheim gehaltener Konstellationen errechnet, er wird auch erst kurz zuvor der Öffentlichkeit bekannt gegeben und verbreitet sich dann wie ein Lauffeuer durchs ganze Land. Wir sind Zeugen der rituellen Vorbereitungen dieses mehrere Tage andauernden Festes im Tempelinnenhof des Seychenling-Klosters. Dort wird von mehreren Mönchen ein Mandala aus geweihtem farbigem Sand erstellt. Ein oranges Dreieck aus purpurnen Flammen und einem gelben Ornament in der Mitte. Das allein nimmt den gesamten Tag in Anspruch. Die immer wieder mal in den Hof einfallenden Windböen vermögen dem Mandala nichts anzuhaben, kein Sandkorn verweht. Die Kapelle bestehend aus Trommeln, Zimbeln, Posaunen und Langhörnern richtet sich ein. Kleine drei- bis vierjährige Mönche rennen in Vorfreude quirlig durch die geschäftigen Altmönche. Langsam erahnen wir die Bedeutung dieses Festes für diese Menschen und geraten in angespannte Erwartung. Am nächsten Vormittag nehmen wir an einer heiligen Messe im Tempel teil. Ein Meer von Butterlampen ist entzündet worden. – Butterlampen erinnern mich immer an den berühmten Buttertee. Bei unserem ersten Besuch im Tempel ist uns dieser von jungen Mönchen dargeboten worden. In orangen Plastikschälchen. Getrocknete, ranzige Ränder zeugen davon, daß der vorherige Benutzer ihn sehr langsam getrunken haben muß. Leichte Übelkeit steigt unsere Kehlen hinauf und verstärkt sich nach dem ersten Schluck: der Geschmack ist unbeschreiblich greulich. Unsere westlichen Geschmacksknospen sind darauf nicht vorbereitet. Die Höflichkeit verbietet uns, den Buttertee zu verschmähen. Mühsam und nur mit äußerster Überwindung bezwingen wir ihn. Unverzüglich stürmen wir hinaus und konsumieren Pfefferminzbonbons; ein verschmitztes Lachen der Mönche im Rücken. – Wir verlassen die Butterlampen im Tempel, denn jetzt beginnen die Zeremonien im Innenhof. Die Mönche tragen goldene Federhelme, die sogenannten Gelbmützen (es gibt auch Rotmützen). Diese Tracht der Gelug-pa Mönche geht auf das 15. Jahrhundert zurück. Sie reihen sich im Halbkreis um H.E. Shenchen Ramjam Rinpoche auf, der auf einem Klappstuhl Platz nimmt. Die Tänzer treten ein. Sie tragen farbenfrohe Kleider und hohe schwarze Hüte mit breiter Krempe, auf der sich jeweils drei weiße Totenköpfe befinden. Sie sind mit solch machtvoller Energie aufgeladen, daß sie das ganze restliche Jahr über verhüllt und verschlossen aufbewahrt werden. Jetzt wird ihre Macht auf den Tänzer übertragen, der so das Böse des kommenden Jahres vertreiben soll. Zu seinem eigenen Schutz ist ihm ein schwarzer Strich auf den Nasenrücken gezeichnet worden, damit das Böse nicht Besitzt von ihm ergreift. Den Tänzern kommt eine überaus wichtige Aufgabe zu und sie sind sich dieser Verantwortung mit ernsten Gesichtern bewußt. Ihre Bewegungen sprechen davon, sie sind bedächtig und doch zugleich kraftvoll, aufs äußerste gespannt. Jede Drehung, die durch das Heben, Ausdrehen und Zehenspreißen des Fußes eingeleitet wird, verläuft in Zeitlupe. Wir können eine Studie der körperlichen Bewegungsabläufe anfertigen. Begleitet werden die sich immer wieder im Kreise um das Mandala drehenden Tänzer durch für unser Gehör unrhythmischen Zimbelschläge und Posaunenstöße. Damit geht der erste Tag vorüber.

Zwei als Clowns verkleidete Mönche in hölzernen Dämonenmasken treiben ihren Schabernack mit den Priestern. Sie jagen sich gegenseitig, machen Faxen und nehmen so dem gesamten Ritus etwas von seiner steigenden Spannung, lockern ihn auf. Die Zuschauer – alt und jung - feuern sie noch an, klatschen in die Hände und haben ihren sichtlichen Spaß an ihnen. Wäre etwas vergleichbares während unserer Frohnleichnamsprozession denkbar? Während einer Pause wird eine Coca-Cola-Kiste zu den kleinen Mönchen getragen, jeder von ihnen nimmt jubelnd eine braune Flasche in Empfang. Dieses Bild ist einfach umwerfend. Hier trifft Westliches auf Östliches. Wann lassen wir uns mal vom Östlichen treffen? Ein weiterer Tag mit Tänzen geht zu Ende.

Gegen Mittag des nächsten Tages setzt Regen ein. Noch hält das Mandala stand. Wir nähern uns dem Höhepunkt der Neujahrsfeierlichkeiten. H.E. Shenchen Ramjam Rinpoche wird ein Messer gereicht. Ein Mönch trägt ein Holzbrett, auf dem eine Wachsfigur liegt. Dem Anschein nach ein aus Kinderhand geknetetes buntes armlanges Männchen. Schrille Posaunenfanfaren setzen ein, die Zimbeln schlagen unaufhörlich, der Klang der Trommeln repräsentiert die Stimme Buddhas. Die Luft bebt von dem Schall. Dann plötzliche Stille. H.E. Shenchen Ramjam Rinpoche durchtrennt die Kehle des Männchens. Wir zucken zusammen. Blut strömt heraus und färbt den Boden rot. Unweigerlich stellen sich unsere Nackenhaare hoch, das ist mit Sicherheit keine Lebensmittelfarbe, sondern echtes Blut, Menschenblut?! Während eines Ritus speziell für diesen Zweck gewonnen... Auch mit dieser Symbolik soll wieder das Böse des neuen Jahres zur Strecke gebracht werden, bevor es zum Zuge kommen kann. Die Tänzer setzen wieder ein, wir lehnen uns mit einem tiefen Atemzug zurück und genießen den Anblick der farbenprächtigen Trachten und kraftvollen Bewegungen. Das neue Jahr kann kommen.

Der Ratten-Lama

Zahllose Belehrungen werden uns erteilt. In Tempeln, in den Wohnungen der Rinponches, unter freiem Himmel, bei Tag und bei Nacht. Unsere letzte ist zugleich die spektakulärste. Spektakulär weil sie durch den Ratten-Lama erfolgt. Von zwei seiner Schüler werden wir quer durch Kathmandu-City geführt. Die verwinkelten Gassen werden immer verwinkelter, immer schmaler, die Häuser rücken mehr und mehr zusammen. Nach oben blickend stellen wir fest, daß sie im vierten oder fünften Stock zusammenzuwachsen scheinen. Tageslicht fällt kaum noch durch. Die zwei Jungs verschwinden durch einen düsteren Torbogen, keine Tür, lediglich ein Stück schwerer am Saum mit feuchtem Lehm beschmutzter Vorhang wird beiseite geschoben. Gebückt geht es weiter. Der Gang ist schulterhoch, der Boden aus unebenen Holzbohlen. Vor dem nächsten Vorhang ziehen wir die Schuhe aus, betreten den Wohn- und gleichfalls Schlafraum des Lamas unserer heutigen Belehrung. Es erfolgt die übliche Begrüßungszeremonie mit Überreichung des weißen Schals. Wir hocken uns nieder. Er beginnt mit dem Rezitieren heiliger Texte. Seine Stimme ist sanft und leicht rauchig. Der gleichmäßige Singsang beginnt uns einzulullen. Unsere Köpfe werden schwer, stützen sich auf die Hände oder die angezogenen Knie. Mühsam bemühen wir uns, Haltung und Achtsamkeit zu bewahren, aber die Lider fallen uns einfach zu. Bis wir eines Trippelns und Trappelns gewahr werden. Es läßt sich nicht lokalisieren. Scheint von hinter den Wänden oder über unseren Köpfen her zu kommen. Mit einem Mal sind wir wieder wach. Alle. Das sind Ratten. Sie huschen um uns herum. Was ist das jetzt wieder für eine Gelassenheitsübung?! Mit unserem offenen Geist für die heiligen Worte ist es dahin. Wir sind zwar alle voll im Hier und Jetzt, haben aber komplett zugemacht und sind nur noch um unseren Körper bedacht. Unruhe liegt über uns und bleibt auch während der nächsten Stunden bestehen. Weit nach Mitternacht verlassen wir die Rattenstätte und pilgern heim zu unserem Tempel. Von Karl fangen wir uns noch eine Rüge ein wegen unseres unmöglichen Benehmens, der Inhalt der Belehrung sei absolut oberflächlich gewesen, ganz gemäß unseres Geisteszustandes. Kein Wunder, oder?

Empfang bei H.H. the 19th Dudjom Rinpoche

His Holiness Dudjom Rinpoche der 19. Tenzin Yeshey Dorjee ist die Wiedergeburt von His Holiness Dudjom Jigdrel Yeshey Dorji (1904-1987). Er wurde geboren am 9.10.1990, erkannt am 02.08.1992 und inthronisiert am 30.09.1993.
Wir werden im Wohnzimmer der Familie empfangen, uns wird Tee und Gebäck gereicht. Anschließend reihen wir uns mit anderen Pilgern in eine Schlange, die das Treppenhaus hochreicht bis zum Kinderzimmer von Dudjom Tenzin Yeshey Dorjee. Er sitzt im Schneidersitz auf seinem Bett, das wie ein Thron hergerichtet ist und erteilt einem jeden den Segensgruß. Uns wird sein Handabdruck in Stein gezeigt, der als Beweis für seine hohe Inkarnation gilt. Stein wird unter seiner Berührung weich wie Butter und ein Fuß- oder Handabdruck bleibt als Zeugnis zurück. Anschließend werden wir in den Garten geführt. Wir hocken uns ins Gras und Dudjom Tenzin rezitiert für uns heilige Texte.
Und an den Tannen hängt die Wäsche der Familie zum Trocknen.

Kumar... oder wie Schuhe einen neuen Besitzer bekommen

Wir sind auf dem Durbar Square von Thamel, dem Hauptplatz vom Geschäftsviertel Kathmandus. Heute am letzten Tag dürfen wir konsumieren und kaufen Souvenirs: Zimbeln, Räucherstäbchen, Schals, Stoffe und ein Thangka, ein Rollbild vom Avalokiteshvara. Dem Künstler dürfen wir bei seinem Schaffen über die Schulter schauen und stellen erstaunt und erschrocken fest, daß sein Pinsel nur aus einem einzigen Haar besteht. Da wird ein einziges Thangka schnell zum Lebenswerk. Der Stoffhändler schlägt vor, daß ich statt mit Dollar lieber mit meiner Uhr zahlen soll. Warum nicht.
Wieder draußen vor dem Laden werden wir wie immer umlagert von einer Horde bettelnder Kinder. Und Schuhputzer. Ich erkläre, daß meine Schuhe heute nicht mehr geputzt werden müssen, es wäre schon das fünfte Mal. Sie bleiben nämlich hier in Nepal während ich morgen wieder nach Deutschland fliege. Ein junger Nepalese fragt mich in gutem Englisch, was denn mit den Schuhen geschehe. Ich frage, ob er sie haben möchte - allerdings würde ich sie heute gern noch tragen. Er heftet sich für den Rest des Tages an meine Fersen und bietet uns als Gegenleistung eine Stadtführung an. Wir bekommen einheimische Einblicke ins verborgene Kathmandu. Ein seltsames Gefühl in verschenkten Schuhen neben dem neuen Besitzer herzulaufen.
Zurück im Vajra packen wir unsere Koffer. Das heißt wir sammeln alles für uns Entbehrliche, nach 3 Wochen Nepal ist grundsätzlich alles entbehrlich, und verschenken es.

Neue Namen

H.E. Shenchen Ramjam Rinpoche ist der Abt des Seychenling-Klosters in Vertretung für den kleinen Yangsi Urgyen Tenzin Jigme Lhundrup, die Wiedergeburt von H.H. Dilgo Khyenste Rinpoche. Im frühen Kindesalter wurde er als seine Wiedergeburt erkannt, und zwar durch Weissagungen und den berühmten „Wiedererkennungstest“. Dabei muß das Kind aus einer Reihe von ähnlichen Gegenständen diejenigen treffsicher erkennen, die im Besitz und Gebrauch des Vorgängers gewesen waren. Danach setzt die klösterliche Erziehung ein. Bis der kleine also soweit ist, übt H.E. Shenchen Ramjam Rinpoche dieses Amt aus. Als er erfährt, daß unsere gesamte Sangha bei Karl Zuflucht genommen hat, gibt er einem jedem von uns einen neuen, einen buddhistischen Namen. Dies ist für uns eine große Ehre.

Wir sind nun:
- Könchog Chödrön – Fackel des Dharma
- Yeshey Dorje – Unzerstörbare (diamantene Weisheit)
- Könchog Drolma – Tara der Drei Juwelen
- Jimba Dorje – Diamantene (unzerstörbare) Großzügigkeit.

Matthieu Ricard erklärt uns die Bedeutung unserer neuen Namen. Bevor er buddhistischer Mönch wurde, war er Molekularbiologe in Paris. Er ist der französische Übersetzer des 14. Dalai Lama. Die Dalai Lamas gelten als Verkörperungen Avalokiteshvaras, des Bodhisattvas der Barmherzigkeit. Ricard wohnt der Audienz bei H.E. Shenchen Ramjam Rinpoche bei und begutachtet interessiert eins unserer Gastgeschenke, ein Kalender mit doppelt belichteten Naturaufnahmen. Anschließend erfahre ich, daß er selbst ein umfangreiches fotografisches Werk über das klösterliche Leben im Himalaya geschaffen hat.

Seinen zwei Schäferhunden hat H.E. Shenchen Ramjam Rinpoche deutsche Namen verliehen „Guten Tag“ und „Gute Nacht“ bewachen sein Haus. Jetzt möchte er noch einen dritten, weil er auch „Danke schön“ sagen kann.

Immer wenn wir zwischendurch mal den Tempel betreten um dort meditierend zu verweilen, treffen wir junge Mönche an, die mit ihrer hohen Knabenstimme Mantras rezitieren. Einer schlägt im Takt eine kleine Glocke und singt dazu, bis er vom nächsten abgelöst wird. Dann flitzt er zurück auf seinen Platz, ein rotes Kissen auf dem Tempelboden. Dabei machen sich die Mönche einen Spaß daraus, in vollem Schwung auf das Kissen zu springen und damit ein Stück weit über den Boden zu schlittern. Das tut ihrer Inbrünstigkeit beim Gebet keinerlei Abbruch. Und außerdem wird so auch gleich der Tempelboden gefegt. Ihre Fröhlichkeit ist so herzlich ansteckend! Eine Atmosphäre in der wir uns so lebendig und wahrhaftig im Glauben fühlen. Ruckzuck sind drei Stunden um, die uns wie eine halbe schienen.


Mögen alle Wesen Glück erfahren und die Ursachen von Glück;
mögen alle Wesen frei sein von Leid und den Ursachen von Leid;
mögen alle Wesen niemals getrennt sein vom höchsten Glück, das frei ist von Leid;
mögen alle Wesen in Gleichmut leben, ohne allzuviel Anhaften und allzuviel Abneigung;
und mögen sie leben im Wissen um die Gleichheit von allem, was lebt.