VON BRÜLLAFFEN GEWECKT...

Ein Reisebericht aus Costa Rica.  Lesen ... 
 

UNTER DEN ALLES SEHENDEN AUGEN BUDDHAS...

Ein Reisebericht aus Nepal.  Lesen ... 


 
 
Von Brüllaffen geweckt

Ab fünf Uhr herrscht im Regenwald Radau. Wer die Geräuschkulisse nicht kennt, wird die Flucht vor einem unheimlichen Urwaldgeist ergreifen wollen. Es ist aber nur eine Horde von rund 200 Brüllaffen, die bei Tagesanbruch ihrem Namen alle Ehre machen und brüllend durch das Blätterdach der Urwaldriesen toben. Wir schlafen auf Augenhöhe mit den Tieren des Regenwalds. Tür und Fensterläden sind weit geöffnet, um jeden nur möglichen Windhauch durch unser Schlafgemach zu leiten. Luftfeuchtigkeit 80 bis 98 %, bei Regen 100 %, Temperatur 28 Grad im Schatten. Ab sechs Uhr morgens ist es taghell, ab sechs Uhr abends stockfinster - innerhalb von 20 Minuten wird es Nacht, und das richtig. Man sieht seine eigenen Füße nicht mehr...

Wir sind in Manzanillo - einer beschauliche Ansiedlung von ein paar Hütten an der Karibikküste Costa Rica`s, kurz vor der Grenze nach Panama. Unsere Freunde, Iris und Walter, haben dort vor ein paar Jahren 5000 qm Regenwald gekauft, die direkt an ein Naturschutzgebiet grenzen. Mittlerweile sind dort schon zwei Häuser entstanden; eins zum Schlafen, eins zum Wohnen. Um annähernd die Baumkronengrenze zu erreichen, sind die Bauten auf fünf Meter hohen Betonpfeilern errichtet worden. Der Grundriß ist sechseckig und ringsherum sind nur Fenster, ohne Glas versteht sich. Diese Offenheit mitten im Dschungel macht anfangs etwas befangen; das legt sich aber mit der Zeit. Am ersten Abend hat sich auch direkt ein dunkler Schatten, den ich aus den Augenwinkeln beim Anflug schon als Fledermaus identifizierte – und somit entsprechend reagierte - auf meinem Rücken niedergelassen. Er stellte sich als harmlose Motte heraus, allerding mit einer Spannweite von guten 20 cm! Hier ist halt alles etwas größer...

Entdeckt hat das Land 1502 Christoph Kolumbus und es Costa Rica getauft: “reiche Küste”. Das üppige Grün in allen Schattierungen, die satten Farben der exotischen Früchte und Blüten, die makellosen Palmen, die gigantischen Urwaldriesen und nicht zuletzt die unzähligen farbenfrohen Schmetterlinge und Kolibris mögen ihn dazu inspiriert haben. Die Natur quillt hier nur so über vor Energie und Lebensfreude, alles scheint unentwegt in voller Blüte zu stehen und reif zur Ernte zu sein. Bananen, Ananas, Mangos, Papayas, Limonen, Pfirsiche, Sternfrüchte, Kakao, Lemongras, Kokusnüsse und Nonifrüchte wachsen hier wild.
Die Nonifrucht wird bei uns zur Zeit als Wundermittel populär gemacht, der Europäer zahlt für 300 ml 25 Euro, in Costa Rica haben wir sie abends im Vorbeigehen am Strauch gepflückt und frisch gepreßt genossen. Ein Schluck ist ausreichend, der Saft ist reine Medizin und stärkt das Immunsystem.
Die Kokusnußpalmen locken nicht nur mit ihren süßen Früchten, sondern auch mit erquickendem Schatten; dieser sollte aus gesundheitlichen Gründen allerdings gemieden werden. Warum? Nun, während eines Strandspaziergangs vernahmen wir plötzlich schräg hinter uns ein herannahendes Pfeifen, wir vermuteten binnen kurzem den Kontakt mit einem gigantischen Fluginsekt, als wir knapp neben uns den Einschlag vernahmen: eine Kokusnuß! Unser Blick wanderte nach oben, aus 8 Metern Höhe hatte diese Bombe ganz schön an Geschwindigkeit und Schlagkraft entwickelt, bis zur Hälfte war sie im Sand verschwunden, ringsherum ein kleiner Wall. In Costa Rica werden laut Statistik mehr Menschen durch eine Kokusnuß erschlagen, als daß sie durch den Biß eines giftigen Tieres sterben. Ein schattiges Plätzchen werden wir uns künftig woanders suchen.

Das Land Costa Rica ist 51200 Quadratkilometer groß und liegt zwischen zwei Ozeanen, der Karibik und dem Pazifik. Seit 50 Jahren verzichtet die Regierung auf eine Armee und verwendet das Geld stattdessen für die Ausbildung der Bevölkerung. Mit Erfolg: das Internet ist in Costa Rica heute weiter verbreitet als in Deutschland. In jedem etwas größeren Ort gibt es spezielle E-Mail-Shops.
Die Natur bleibt jedoch das kostbarste Gut Costa Ricas. Ein Viertel des Landes steht unter Naturschutz, das ist weltweit einmalig! Die Nationalparks bewahren sämtliche für Mittelamerika typischen Ökosysteme: die tropischen Regen- und Nebelwälder genauso wie die Sumpfgebiete und Vulkanlandschaften. Von Nord nach Süd wird das 460 Kilometer lange Land von einer Kette von 112 Vulkanen durchzogen, einige von ihnen sind sogar noch regelmäßig aktiv.
Das kleine Land auf der schmalen Brücke zwischen Nord- und Südamerika ist eine Großmacht der Artenvielfalt: 35.000 verschiedene Insekten, unter 10.000 Pflanzenarten wachsen allein 1.200 unterschiedliche Orchideen, allein 857 Vogelarten beherrschen die Lüfte und Jaguare, Ozelots und Pumas leben hier noch immer.

Die Anreise ist anstrengend. An unserem ersten Reisetag waren wir 24 Stunden nonstop unterwegs: von Frankfurt via Madrid und Miami nach San José - einen Direktflug gibt es nicht, da die Landebahn in San José nicht für Atlantiküberquerer wie zum Beispiel die Boing 747 ausgelegt ist. Die erste Nacht schlagen wir bei Freunden in Khartago (ein Vorort von San José), völlig übermüdet, unser Nachtlager auf dem Wohnzimmerfußboden auf: Endlich mal wieder die Beine lang machen können!
Am nächsten Morgen machen wir einen Spaziergang durch die Gegend. Die Straßen bestehen nur aus plattgefahrenem mit Schlaglöchern und Steinen versehenem Lehm. Der Dauerregen hat alles aufgeweicht, ein kreuzender Fluß die „Straße“ völlig überflutet. Wir müssen ihn auf schwankenden, schmalen, glitschigen Holzbrettern überqueren; zur Sicherung ist ein Stahlseil in Kniehöhe gespannt. Halb hangeln wir uns hinüber, möglichst ohne nach unten zu schauen: Geschafft! Auf der anderen Seite geht der Weg, jetzt nur noch ein Pfad, steil bergan. Vereinzelte, kleine Hütten sind aus allen erdenklichen Materialien zusammengebastelt: Holzbretter, Wellblech, Folie, Zaunstücke, eine Autotür dient als Gartentor. Die Menschen winken uns fröhlich zu, jeder grüßt jeden. In Deutschland werden wir uns das laufende begrüßen Unbekannter schnell wieder abgewöhnen müssen.
Fremde kommen nicht oft hier entlang und so eilt die Nachricht unserer Anwesenheit uns auch schon voraus. Ein „Chikko“, so heißen die Costa-Ricaner in der Umgangssprache, sei mit zwei blonden „Gringos“, Fremden, unterwegs, weiß ein Mann schon, bevor wir sein Haus überhaupt sehen können. Er heißt Harald, kommt aus Deutschland und hat hier eine Hühnerfarm, die er uns auch gleich zeigen möchte. Wir bekommen eine exklusive Führung durch die Gehege. Insgesamt 10.000 Tiere - vom Küken bis zur Legehenne - leben hier. Das Gegacker und der Gestank sind unerträglich und wir sind erleichtert, wieder an frischer Luft unseren Rundgang fortsetzen zu können. Wie er die Eier auf diesen Straßen unbeschadet transportiert, bleibt uns ein Rätsel. Mit Sicherheit ist die Verlustquote sehr hoch und er ernährt sich ausschließlich von Rührei...
Gegen Mittag geht’s sechs Stunden im Auto weiter; egal, ob man die Route durch die Berge wählt oder den Regenwald; diese ist schöner, aber während der Regenzeit (Juni-August) oft unpassierbar. Der Reisende erfährt an der letzten Tankstelle, die an der entscheidenden Wegkreuzung liegt, welchen Weg er einschlagen muß bzw. kann.
Das Straßennetz von Costa Rica besteht nur zu einem geringen Anteil aus asphaltierter Oberfläche, der Rest ist Schotterpiste und weist Schlaglöcher in diversen Tiefen auf. Schrittgeschwindigkeit ist angesagt, die vereinzelten Hinweisschilder „Max. 25 km/h“ lassen uns nur noch schmunzeln, denn 5 km/h überschreiten wir mit unserem Wagen freiwillig nicht...

Die Ausstattung des Dschungelhauses sowie unsere eigene waren äußerst dürftig. Wir hatten während unseres 14tägigen Aufenthalts exakt ein Handtuch zur Verfügung - und das zu zweit! Anfangs wurden noch voller Enthusiasmus ein paar Sachen gewaschen, die allerdings anstatt zu trocknen, muffig wurden und Schimmel ansetzten – so etwas passiert allerdings nur während der Regenzeit. Kommt die Sonne doch einmal zum Vorschein, dann ist dies die einmalige Chance, alle nassen Sachen aufs Wellblechdach zu schmeißen. Dort trocknen sie innerhalb von ein paar Stunden - wenn nicht zwischendurch wieder ein Schauer kommt.
Die Küche war lediglich ausgestattet mit Kühlschrank, Mixer und Spüle - kein Besteck, kein Geschirr, keine Kochstelle, weder Tisch noch Stühle, eigentlich gar keine Möbel, auch kein Bett. All das befand sich nämlich noch im Container, in dem der gesamten Hausstand von Walter verschifft worden war. Über den kompletten Inhalt muß eine dreisprachige Liste (deutsch, englisch, spanisch) erstellt werden, vom Zahnstocher bis zum Bett waren es 237 Teile, die Zollbeamten in Limon zählten allerdings erstaunliche 324. Das weniger ankommt als geschickt wurde, ist alltäglich, da immer etwas „verloren“ geht, aber dass es mehr wird? Aufgrund dieser Differenz hat die Regierung die Freigabe des Containers verweigert, bis wir – nach 14 Tagen !!! – endlich dahinterkamen. Für die Zollbehörde ist ein Bett nicht gleich ein Teil, sondern 23 Teile, in so viele war es nämlich für den Transport zerlegt worden. Uns hat das natürlich nichts mehr genutzt, wir sind nach den zwei Wochen wieder abgereist, ohne den Inhalt des Containers je zu sichten. Einen Vorteil hatte es aber doch: uns blieb die Möbelschlepperei erspart...!


Eine verklemmte Kupplung brachte unsere Herzen auf der Rückreise fast zum Stocken.
Wir hatten diesmal die Route durch den Regenwald gewählt, die heute passierbar sein sollte. Der immer stärker werdende Niederschlag ließ uns an dieser Prognose allerdings immer mehr zweifeln. Was, wenn plötzlich vor unserer Nase die Straße überflutet sein würde, wir umkehren und dann feststellen müssten, daß auch der Rückweg bereits unter Wasser stünde? Dann stände uns wohl eine ziemlich feuchte Nacht im Dschungel bevor und der Flieger würde am nächsten Morgen ohne uns Richtung Heimat abheben...Wir funken ein Stoßgebet nach dem anderen gen Himmel. Selbst der schnellste Intervall unseres Scheibenwischers schafft es nicht annähernd, uns einen kurzen unverschwommenen Blick auf die Straße zu verschaffen. Das Dickicht des Urwalds ragt aber so nah an uns heran, dass ich durchs Fenster Blüten pflücken könnte; wir können also gar nicht mangels Sicht vom Weg abkommen. Mir kommt der Gedanke, dass er vielleicht sogar schneller zugewuchert als überschwemmt sein könnte.
Wir erreichen endlich den höchsten Punkt der Strecke, ab jetzt gehts nur noch abwärts Richtung San José. Plötzlich reagiert die Kupplung unseres Wagens nicht mehr. Er ist in den letzten Wochen wohl etwas arg strapaziert worden. Wir stecken im zweiten Gang fest! Vor uns taucht ein Lkw auf, seine Rückleuchten kommen immer näher. Warum fährt der nicht schneller? Wir sind gezwungen abzubremsen, werden immer langsamer, kommen fast zum stehen. Weichen nach rechts aus, soweit das möglich ist. Uns stockt der Atem. Jetzt bloß nicht stehenbleiben müssen! Wir atmen gepresst und angstvoll aus. Und als wenn wir ihn damit angepustet hätten, nimmt der Abstand zwischen uns wieder zu. Dieses Mal hatten wir noch Glück, aber bis San José ist es noch weit und das war bestimmt nicht der letzte Verkehrsteilnehmer vor unserer Stoßstange...
Wir schaffen es im zweiten Gang so grade bis in die Stadt, ohne anhalten zu müssen. Dann kommt die erste Ampel und wir stehen. Stockend fahren wir an. Die Motorgeräusche werden auch immer häßlicher. Die Straßen sind zum Bersten voll und jetzt geraten wir auch noch in ein Viertel, in dem sie steil ansteigend an San Fransico erinnern. Weißer Qualm steigt aus unserer Motorhaube auf. Meine Nerven liegen blanker als blank.
Da, endlich eine Mietwagenfiliale. Wir lassen uns auf den Hof rollen und sinken erleichert in die Sitze. Geschafft! Zumindest für heute und für den ersten Abschnitt unserer Rückreise aus dem Dschungel...
 

Die Dschungel-Tour

Unser Rüstzeug: Gummistiefel, lange Hose, langes Hemd - möglichst in weiß, Moskitos fahren eher auf dunkle Farben ab - und mindestens drei Liter Trinkwasser. Wir haben noch unsere Hüte aufgesetzt; man weiß ja nie, was so alles von oben runterfällt - oder sich fallen läßt...

Anfangs führt uns unser Weg noch am Strand entlang. Ich komme mir irgendwie lächerlich vor: in voller Montur vor Karibikkulisse – meine deutschen Gummistiefel sind wirklich die Krönung! So ein Modell hat da unten noch nie jemand zu Gesicht bekommen: mit Fell gefüttert. Wir haben uns alle schlappgelacht.

Wir überqueren einen kleinen Flußlauf: Gummistiefel wieder aus (das Wasser scheint mehr als knietief zu sein), Hose hochgekrempelt und durch. Es münden immer wieder Flüsse, die aus den Bergen kommen, am Strand ins Meer. Solche Plätze sind besonders idyllisch und praktisch für ein Strandlager. Man kann sich nach einem Bad im Meer gleich das Salz in dem um einige Grade kühleren Süßwasser von der Haut spülen.
Dann biegen wir rechts ab und verlassen den Strand, es geht das erste Mal tiefer in den Dschungel hinein, wir folgen hintereinandergehend einem Trampelpfad. Meine Vorstellung, daß unser Führer den Weg mit seiner Machete frei schlagen muß, hat sich also Gott sei Dank nicht bestätigt. Unsere Wasserflaschen tragen wir ständig in der Hand, um nicht zu vergessen, zwischendurch immer wieder einen Schluck zu nehmen. Es ist noch nicht einmal Mittag und wir sind schon wieder klatschnaß geschwitzt, die Tropenluft ist schwer. Alle paar Meter bleiben wir stehen und bekommen eine Pflanze erklärt oder ein Tier gezeigt. Aber bitte nicht länger als nötig verweilen, da die Moskitos unerbittlich ihrer Leidenschaft nachgehen. Ich gewöhne mir an, ständig mit den Armen zu schlenkern, um sie so fernzuhalten.
Unsere Augen werden allmählich mit der Dschungelwelt vertraut und wir entdecken selbst winzig kleine knallrote Fröschchen, gerademal so groß wie mein kleiner Fingernagel, die hochgradig giftig sind. Aus diesem Grund ist berühren verboten, aber auch, erklärt uns unser Guide Rikki, weil wir diesem kleinen Lebewesen irgendeine Infektion übertragen könnten, die es dann an seine Gattung weitergibt und die so daran zugrunde gehen könnte. Wir vermeiden den Kontakt also aus beiderseitigem Interesse.

Dschungel ist keinesfalls Flachland, es geht vielmehr ständig bergauf und wieder bergab, dabei ist der Untergrund vom vielen Regen stellenweise sehr aufgeweicht, der Schlamm löst sich von unseren Stiefeln mit einem lauten Schmatzen. An kritischen Stellen ist in die Bergwand ein Halteseil eingelassen, an dem wir uns entlanghangeln können und vorsichtig auf aus dem Matsch ragenden glitschigen Baumwurzeln Halt suchen.

Plötzlich verspüren wir einen sanften Windhauch, die Hemden werden gelüftet, das Land fällt leicht ab, unsere Schritte werden zügiger, es wird heller, die Sonne schafft es, immer mehr Strahlen durch die Baumwipfel zu schicken. Vor unseren Augen lichtet sich der Regenwald und ein wahrlich paradiesisches Fleckchen Erde - scheinbar noch von keiner Menschenhand je berührt - breitet sich vor uns aus. Wir fühlen uns wie Entdecker. Die Sonne läßt Sand, Wellen, Schaumkronen, Felsen, Palmen erstrahlen, unsere an das gedämpfte Licht des Waldes gewöhnten Augen sind geblendet. Hier möchten wir ewig bleiben und den Frieden und die Pracht, die die Natur ausstrahlt, genießen. Wir werden zu Strandsuchern, sammeln Muscheln, Holzstücke und Seabiskuits (ein köstliches Wort für deutsche Seeigel). Rikki schnappt sich eine Kokosnuß, die er in seiner Hand haltend mit gezielten Schlägen seiner Machete schält. Ungeübte hätten sich dabei mindestens dreimal die eigene Hand abgehackt. Die Nuß macht die Runde, wir nehmen jeder einen Schluck, dann wird sie zer- und verteilt. Plötzlich steht ein wildes Schwein vor uns. Von Scheu keine Spur, es macht sogar Männchen, um sich ein hochgehaltenes Stückchen Kokosnuß zu schnappen.

Ein letzter Blick zurück und es geht wieder ab in den Dschungel. Rikki bittet uns an Stellen, an denen die Sonnenstrahlen bis auf den Erdboden gelangen, besondere Vorsicht walten zu lassen. Hier finden sich oft Schlangen ein, die sich an diesen sonnigen Plätzen aufwärmen. Ein paar Schritte weiter entdecken wir an einem Baumstamm eine gelbe Viper, auch sie hochgiftig. Ein Biß ist tödlich, wenn nicht innerhalb der nächsten Stunde ein Gegengift verabreicht wird. Sie zeigt heute kein Interesse an uns, da sie, ihre Beute verdauend, bis zu 14 Tagen in ein und derselben Position verharrt.

Wir kommen an eine Lichtung wo Einheimische die Bananenplantage eines Gutsbesitzers bewirtschaften. Ökologischer Anbau. Auf unserer Anreise sind wir durch die Monokulturen von Chiquita und Del Monte gefahren, hier scheinen tonnenweise Pestizide eingesetzt zu werden. Damit die Frucht dadurch keinen Schaden nimmt, werden die Stauden mit blauen Plastiksäcken verhangen. Die Luft war dermaßen mit Chemikalien verpestet, daß wir mit Inraumklimaanlage und Vollgas das Weite gesucht haben. Ich werde in Deutschland wohl keine Bananen dieser Marken mehr kaufen.

Auf unserem weiteren Marsch wird der Dschungel immer dichter. Wir müssen uns unter den Bäumen und herabhängenden Lianen durchducken um voranzukommen. Die Moskitos sind hier besonders aggressiv, nur zwei Sekunden unbeweglich zu sein bedeutet hier mindestens fünf Stiche abzubekommen. Zwischen den Ästen eines Busches entdecken wir eine schwarz-weiß-gestreifte handgroße - aber filigrane - Bananenspinne in ihrem perfekten Netz. Das Männchen sehen wir erst auf den zweiten Blick, schwarz und nur daumennagelgroß paßt er sich seiner einzigen und auch einmaligen Aufgabe der Befruchtung an.

Zwischen Baumriesen schlängelt sich der matschige Pfad weiter durch den Wald, Orchideen, Efeu und Farne wuchern an den feuchten Stämmen. Hin und wieder bleiben wir stehen. Lassen unsere Blicke an den scheinbar endlosen Baumstämmen emporwandern wie in einer Kathedrale und lauschen andächtig dem Konzert des Waldes. Rikki schätzt einige auf 3000 Jahre. Wegen ihres mächtigen Umfangs stehen die Wurzel teilweise schmal und meterhoch vom Stamm ab. In den Astgabeln siedeln sich Orchideen an, ein farbenprächtiges Zusammenspiel. Ganz im Gegensatz zu einer Baumart, die sich an einem fremden Stamm ansiedelt und ihn wachsend erdrückt, der „Gastgeber“ stirbt schließlich mangels Luft und Licht ab.

In einer Baumkrone entdecken wir ein Faultier wie es sich – für unsere Augen – bedächtig von einem Ast auf einen anderen hangelt, ganz zaghaft und vorsichtig. Aus dieser schwindelerregenden Höhe will schließlich niemand in die Tiefe stürzen. Selten sieht man diese Tiere in Aktion, meist faulenzen sie auf einer Astgabel. Vielleicht haben sie auch gerade wegen dieser Gelassenheit ständig dieses zuckersüßes Lächeln im Gesicht...

Unser Pfad weitet sich wieder etwas. Wir kommen an eine Lagune. Rikki bedeutet uns, äußerst leise weiterzugehen. Zwei übereinander liegende Baumstämme ragen aus dem Wasser hervor, wir erspähen nichts aufregendes...bis sich auf den zweiten Blick einer der beiden vermeintlichen Baumstämme als Kaiman entpuppt. Er hängt lässig in der Sonne ab. „Klick“ - ein Foto geschossen und dann fängt auch noch die Kamera lautstark an, den Film zurückzuspulen. Zum Glück setzt das Krokodil sein Dösen ungestört fort.

Dann endlich nach sechs Stunden Dschungel pur haben wir unser Ziel „Monkey Point“ erreicht. Den Namen hat dieser Platz von einer vorgelagerten Insel, die früher nur von Affen bewohnt war; niemand weiß, wie sie dorthin gelangt sind. Auf dem Festland ist ein Camp für Trekker entstanden. Das gesamte Baumaterial ist auf dem Seeweg hierhin gebracht worden, und auch heute noch wird alles ausschließlich per Boot geliefert. Eine wahrlich verrückte Idee, an diesem unzugänglichen Ort Häuser zu errichten. Als Trinkwasser dient den Bewohnern gefiltertes Regenwasser. Uns erwartet schon eine warme Mahlzeit und natürlich frisches Wasser, zum Trinken und - was uns noch wichtiger scheint - zum Duschen! Gestärkt und erfrischt werden wir durch die Gartenanlage geführt, hier wächst alles, was zum Essen und Würzen benötigt wird: Bananen, gelbe und weiße Ananas, Mango, Papaya, Guanabana, Tamarindo, Sternfrucht, Zitronen, Lemongras, Paprika, Peperoni, Pfeffer, Chilli, Ingwer, Zimt...und eine Palmenart, deren Zweige für das Flechten der berühmten Panamahüte verwandt werden.
Der Rückweg ist ein Kinderspiel: mit dem Boot sind wir in 20 Minuten wieder am heimischen Strand. Schade nur, daß wir unterwegs keiner Delfinschule begegnet sind...

Sehr zu empfehlen ist auch eine Tour zu Tortugueros, dem Turtle Beach, noch ein paar Buchten weiter ostwärts. Dort kommen jedes Jahr im Mai Riesenschildkröten, einige von ihnen sind über 200 Jahre alt, zur Eiablage an den Strand. Um die beeindruckenden Tiere nicht unnötig zu stören, sind nur 200 Touristen am Tag erlaubt.
 

Die Wasserfall-Tour

In aller Frühe machen wir uns in zwei Wagen auf den Weg nach Bambu. Irgendwo auf der Straße dorthin soll uns ein indianisch aussehender Costa Ricaner namens Daniello abfangen und uns weiter per Boot zum Wasserfall bringen. Außer dieser Information wissen wir nur, dass die Hüttenansammlung namens Bambu zwei Autostunden nordöstlich von Manzanillo liegt. Unterwegs müssen wir uns immer wieder – mangels jeglicher Schilder – nach der richtigen Route erkundigen und auch öfters die Richtung wechseln. Es ist spannend, werden wir jemals ankommen? Dann ein vielversprechender Silberstreifen am Horizont: ein Fluß! Ob es bereits der Sixaola-River ist, der auch von „unserem“ Wasserfall gespeist wird? Die Lehmpiste führt jetzt entlang des Flusslaufes. Holpernd mit einer Höchstgeschwindigkeit von 5 kmh folgen wir ihr auf gut Glück.
Plötzlich bremst unser Vordermann abrupt, der Weg fällt steil ab um dann wieder anzusteigen: er kreuzt ein Flußbett! Wir steigen alle aus, um die Lage zu checken. Walter will einfach durchfahren, Iris ist skeptisch. Mit dem Pickup sicherlich im Augenblick kein Problem. Aber was, wenn der Fluß bis zum Abend ansteigt. Dann wird er für uns auf dem Rückweg unpassierbar sein und wir sind abgeschnitten, bis der Pegel wieder sinkt – was jetzt während der Regenzeit auch nicht unbedingt vorhersebar ist – und falls wir auf der ersten Durchfahrt nicht schon stecken bleiben, das Flußbett ist schließlich voller Geröll...
Wir entscheiden uns für das halbe Risiko: der Pickup wird ausgeräumt, um so leicht wie möglich zu sein. Den zweiten Wagen parken wir am Straßenrand, den werden wir erst auf der Rückfahrt wieder besteigen. Dann geht Walter die Fahrrinne zu Fuß ab, bevor er den Pickup erst vorsichtig und dann mit Vollgas durch den Fluß befördert. Geklappt! Jetzt muß nur noch das Fußvolk trocken rüber. Wir schultern unsere Siebensachen und waten sacht durch den Fluß. Die Steine sind glitschig und unberechenbar, die Strömung wird in der Mitte stärker und will uns aus dem Gleichgewicht bringen. Aber wir kommen alle sicher an, laden den Pickup und setzen unsere Fahrt nach diesem ersten bestandenen Abenteuer fort.
In einiger Ferne heißt uns ein mit seinen kräftigen Armen winkender Mann willkommen. Es ist Daniello. Wir haben ihn tatsächlich gefunden. Unglaublich! Seine Familie wartet schon mit dem Frühstück auf uns. Es gibt Kaffee, Kakao, Ei und Brot. Dann stellt er uns noch stolz seinem Großvater vor. Der alte Mann ist fasziniert von unserer Digitalkamera, die ihm sein Porträt zeigt. Beim Lachen kommt sein letzter Zahn zum Vorschein und die hundert Runzeln in seinem - wie es scheint 120jährigen - Gesicht. Sein Urenkel – oder ist es bereits der Ururenkel ? – wird grade voller Wonne in einer Plastikwanne gewaschen. Danach ist die Wäsche dran, sie liegt schon bereit. So wird Wasser gespart.
Jetzt gehts endlich zum Flußufer:
Wir schippern in einem Einbaumboot den Sixaola-River stromaufwärts. Die aufgepumpten LKW-Reifen im ausgehölten Stammesinnern erweisen sich als sehr komfortable Sitzgelegenheit. Eine äußerst pfiffige Idee: so lassen sich die Stromschnellen hüpfend bewältigen.
Am gegenüberliegenden Flußufer warten Onkel und Tante von unserem Guide Daniello seit geschlagenen zwei Stunden auf uns, damit wir sie – als Fähre - noch eben übersetzen. Wir haben uns heute morgen ja etwas verfahren und dann war der Weg an einer Stelle auch noch etwas feucht. Aber Warten gehört hier einfach zum Alltag und niemand legt sich auf eine Uhrzeit fest. Höchstens auf die Tageszeit, morgens, abends. Und das Wort „Manjana“ hört man oft...“morgen“....

Dann geht’s weiter. Wir passieren ein paar Stromschnellen und halten unsere Hände rechts und links ins wilde Wasser. Herrlich! Auch der Anblick der Landschaft vom Fluß aus, mal seicht voller Schilf und tanzenden Schmetterlingsschwärmen, mal steile Felswände mit herabrauschenden Wasserfällen. Die Spannung und Neugier auf „unseren“ Wasserfall wächst. Die Stromschnellen sind eine zu große Verlockung für Daniello und Walter, als daß sie ihr widerstehen könnten. Sie schnappen sich jeder einen Reifen und lassen sich damit ins Wasser fallen. Der Wellenritt beginnt. Walter wird nach außen getrieben und schrappt haarscharf an der Felswand entlang. Wir sehen ihn schon mit einem lauten Knall untergehen. Dann verlieren wir die beiden aus unseren Augen und warten eine halbe Ewigkeit bis endlich Daniello zu Fuß durchs Schilf angetrabt kommt. Walter hat wohl eine falsche Flußbiegung erwischt und ist verloren gegangen. Daniello springt besorgt erneut in die Fluten, um ihn zu suchen. Wir sind ganz schön besorgt, aber zum Glück tauchen beide wohlbehalten wieder auf.

Wir setzen unsere Fahrt fort, umschiffen kleine Inselchen, sehen wilde Pferde am Flußufer. An der Plantage von Daniellos Vater machen wir Halt. Um die steile Lehmböschung zu erklimmen – der Fluß raubt besonders bei Hochwasser immer mehr Land -, müssen wir unsere Paréos hochkrempeln. So ein Paréo ist wirklich praktisch, besonders im Dschungel. Es gibt 1001 Möglichkeit dieses Stückchen Stoff um sich herum zu drapieren, ob als Kleid oder Top, Minirock oder bodenlang oder auch nur als Strandlaken, Kopfkissen, Sonnenschutz... es gibt sie von karibischbunt bis schlicht und zusammengefaltet passen sie in jede Rucksackecke. Ich möchte dieses Wundertuch auf keiner meiner Reisen mehr missen. Selbst unsere männlichen Reisebegleiter waren nach anfänglicher Skepsis, ob denn ein Mann einen Rock tragen kann, von diesem luftigen Kleidungsstück überzeugt.

Oben angekommen schlagen wir uns durch dichtes Gestrüpp und ein mannshohes Zuckerrohrfeld. Ich trage als einzige Flip-Flops, die ich in meiner Not im Supermarkt erstanden habe, nachdem meine immer wieder durchweichten Ledersandalen Schimmel angesetzt hatten. Der Boden ist matschig und ich muß bei jedem Schritt meine Zehen fest zusammenkrallen, um die Flip-Flops nicht zu verlieren. Auch fühle ich mich irgendwie ungeschützt vor Schlangen und dergleichen. Ich sehne meine Gummistiefel herbei.
Daniello zeigt uns wie er mit der Machete einmal die Woche das Unkraut vernichtet, um dem Dschungel Einhalt zu bieten. Er nimmt eine Bananenstaude als Proviant für uns mit und schält uns noch ein Zuckerrohr, jeder bekommt ein Stück zum Naschen. Man kaut auf dem Holz herum und saugt die süße Flüssigkeit ein, der Rest wird wieder ausgespuckt. Natürlich bleiben auch etliche Holzspäne zwischen den Zähnen hängen. Wir sind noch eine ganze Weile damit beschäftigt, unser „Eßzimmer" zu säubern.

Wieder in unserem Einbaum geht die Fahrt weiter stromaufwärts. Stellenweise ist der Fluß so niedrig (oder liegt es daran, daß wir so schwer sind?), daß wir kurz vorm Kentern sind. Der Motor muß aus dem Wasser gehoben und das Boot mit Stangen vorangestoßen werden. Als gar nichts mehr geht, springt Daniello ins Wasser und zieht uns ins tiefere. Wir kreuzen noch ein paar Wasserarme, dann befinden wir uns plötzlich mitten auf der Landesgrenze: das rechte Flußufer gehört zu Costa Rica, das linke bereits zu Panama! Was hier früher wohl so alles geschmuggelt wurde...

Wir gehen in Panama an Land, weitläufig mündet hier Wasser in den Sixaola-River – es kommt von „unserem“ Wasserfall! Das Flußbett ist voller Steine; mal kleine Kiesel, mal riesige Brocken, auf denen man zu zweit liegen kann. Bevor wir flußaufwärts wandern, nehmen wir noch ein erfrischendes Bad. Das Wasser ist stellenweise nur knöcheltief und still wie ein See – trotzdem muß man aufpassen, wo der nächste Schritt hingeht - dann wieder reißend und hüfttief – ohne stützende Arme geht man hier baden, mit Flip-Flops erst recht.
Die Bäume und Pflanzen scheinen direkt aus dem Wasser heraus zu wachsen, so dicht kommt die Vegetation ans Flußufer. Manchmal versperren uns umgestürzte Baumstämme den Weg, wir schlüpfen unter ihnen hindurch oder über sie hinweg.
Von Ferne nehmen wir jetzt ein Rauschen wahr, das je näher wir kommen, immer lauter wird. Nur noch eine Flußbiegung und wir erblicken ihn das erste Mal. Aus acht Metern Höhe ergißt sich das Wasser in einem breiten Schwall in ein Becken von 15 Metern Durchmesser. Die Luft ist voller Wassertropfen, Sonnenstrahlen lassen einen Regenbogen darin tanzen. Das Rauschen ist zu einem Dröhnen angeschwollen, wir müssen uns anschreien, um ein Wort verstehen zu können. Irgendwie liegt ein Beben in der Luft.
Wir versuchen, durch den Wasserfall zu schwimmen, aber die Strömung ist zu stark; selbst unser stärkster Mann gibt nach minutenlangem Kraulen auf. Nur über die Seite haben wir eine Chance, die Felswand ist glitschig und bietet keinen Halt. Hinter dem Wasserfall lassen sich die Augen wegen der Gischt nur kurz öffnen. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Also Augen zu und einmal kräftig mit den Beinen an der Felswand abgestoßen, um durch den Wasserfall hindurch zu kommen. Die herabstürzenden Wassermassen drücken mich mit ihrem Gewicht unter die Wasseroberfläche, zum Glück zieht mich die Strömung wieder hoch und nach außen. Ich schnappe erstmal ordentlich nach Luft.
Die Wagemutigsten erklimmen die Felswand am Rand – ein schlüpfriges Unterfangen – und springen von dort mit einem lauten Schrei direkt in die Mitte des Wasserfalls. Das muß ich nicht haben. Mich lockt da eher eine wohltuende Massage unter dem schmalen Wasserstrahl, der sich auf der anderen Seite etwas abgesondert hat. Selbst dieser Miniwasserfall ist schwer anzuschwimmen und das hätte mir schon zu denken geben sollen. Nur ein paar Sekunden lasse ich den „kleinen“ Wasserstrahl auf mein Haupt prasseln, danach fühle ich mich als hätte ich mein Skalp gelassen.

Nachdem wir uns am Wasserfall ausgetobt haben, lassen wir uns auf einem riesigen Gesteinsbrocken in der Sonne trocken und geniessen die gigantische Atmosphäre. Dies ist der herrlichste Ort, an dem ich jemals gewesen bin! Wir haben ein Stückchen vom Paradies wiederentdeckt...

Dann die jähe Ernüchterung. Auf der Rückfahrt geraten wir in eine Polizeikontrolle, die Jungs sind allesamt bis unter die Zähne bewaffnet und ihr grimmiger Blick in dunkler Nacht verheißt nichts gutes. Ich sehe uns schon im Gefängnis nächtigen, Ausweise und Führerschein befinden sich in unserem Haus. Das Kommando zum aussteigen wird barsch gegeben, dann das Auto gefilzt. 150 Dollar sollen wir Strafe zahlen, dann könnten wir weiterfahren. Sie lassen sich auf 30 Dollar runterhandeln. Als die Scheine gezückt werden, ist plötzlich kein Polizist mehr zu sehen. Mit einer knappen Geste werden wir angewiesen, das Geld auf den Autositz zu legen. Ein Polizist kommt mit einem Buch daher, legt es auf den Sitz, packt die Scheine zwischen die Seiten und verschwindet. Wir haben soeben Schmiergeld gezahlt. Hätten wir erwähnt, daß wir geradewegs aus Panama kommen und das auch noch per Boot, wir wären nicht so glimpflich davongekommen...